Duftöle können in einer fertigen Kerze deutlich anders wirken als direkt aus dem Flakon.
Der Grund ist einfach:
In der Kerze befindet sich die Duftkomposition nicht mehr als freie Flüssigkeit, sondern in einem komplexen System aus Wachs, Docht und Temperatur.
In der Kerzenherstellung unterscheidet man deshalb häufig zwischen Cold Throw und Hot Throw.
Kurz erklärt
Cold Throw = Duftwahrnehmung der kalten, nicht brennenden Kerze.
Hot Throw = Duftwirkung während des Brennens.
Ein starker Cold Throw garantiert keinen starken Hot Throw.
Was bedeutet Cold Throw?
Cold Throw beschreibt, wie intensiv und charakteristisch eine Kerze im kalten Zustand duftet.
Er ist für den ersten Kundeneindruck besonders wichtig.
Wenn ein Kunde:
- den Deckel öffnet
- die Kerze im Geschäft riecht
- unmittelbar nach dem Auspacken daran riecht,
erlebt er den Cold Throw.
Die Duftmoleküle müssen dabei aus der festen Wachsoberfläche in die Umgebungsluft gelangen.
Was bedeutet Hot Throw?
Beim Brennen entsteht ein flüssiger Schmelzpool.
Die höhere Temperatur verändert die Beweglichkeit und Verdunstung der Duftbestandteile. Gleichzeitig transportieren aufsteigende warme Luftströmungen flüchtige Bestandteile in den Raum.
Hot Throw ist deshalb nicht einfach ein stärkerer Cold Throw, sondern eine andere Betriebssituation der Kerze.
Warum riecht Duftöl aus der Flasche stärker?
Im Flakon liegt die Duftkomposition hoch konzentriert und flüssig vor.
In einer Kerze ist sie in der Wachsstruktur verteilt.
Die Duftfreisetzung wird dadurch unter anderem von:
- Wachstyp
- Temperatur
- Duftstoffkonzentration
- Oberfläche
beeinflusst.
Genau deshalb sollte ein Kerzenduft niemals ausschließlich aus dem Flakon bewertet werden.
Welche Rolle spielt das Wachs?
Wachs ist nicht einfach ein neutraler Behälter.
Unterschiedliche Wachssysteme besitzen unterschiedliche:
- Schmelzbereiche
- Kristallstrukturen
- Härten
- Verarbeitungseigenschaften
- Duftstofftoleranzen.
Professionelle Wachshersteller bieten deshalb unterschiedliche Produkte für Containerkerzen, Pillarkerzen, Wax Melts und andere Anwendungen an.
Welche Rolle spielt der Docht?
Der Docht beeinflusst:
- Flammenhöhe
- Größe des Schmelzpools
- Wärmeeintrag
- Verdampfungsbedingungen.
Ein für eine unparfümierte Kerze geeigneter Docht muss deshalb nicht automatisch für dieselbe Kerze mit hoher Duftstoffbeladung optimal sein.
Cargill nennt Wachs, Gefäßdurchmesser und Duftstoffmenge ausdrücklich als Faktoren bei der Wahl des Dochts.
Hilft mehr Duftöl bei schwachem Hot Throw?
Nicht automatisch.
Eine Erhöhung der Duftstoffmenge kann zwar in manchen Systemen die Duftwirkung verbessern, zu hohe Konzentrationen können jedoch das Brennverhalten verschlechtern oder zu Separation führen.
Wenn der Hot Throw schwach ist, sollten deshalb gleichzeitig überprüft werden:
- Duftstoffkonzentration
- Wachs
- Docht
- Gefäß
- Schmelzpool
- Herstellungsbedingungen
- Reifezeit.
Warum braucht eine Kerze Reifezeit?
Nach dem Gießen kristallisiert bzw. strukturiert sich das Wachs während der Abkühlung und Lagerung weiter.
Die optimale Zeit bis zum Test ist vom konkreten Wachssystem abhängig.
Deshalb sollte die Empfehlung des Wachsherstellers berücksichtigt und bei Entwicklungsversuchen immer dieselbe Reifezeit verwendet werden.
Professioneller Testplan
1. Flakonbewertung
Notieren:
- Charakter
- Intensität
- dominante Noten.
2. Standardisierte Testkerze herstellen
Nicht mehrere Variablen gleichzeitig ändern.
3. Cold Throw bewerten
Zum Beispiel:
- nach 24 Stunden
- nach einigen Tagen
- zum vorgesehenen finalen Testzeitpunkt.
4. Brenntest durchführen
Während des Brennens dokumentieren:
- Hot Throw
- Flammenhöhe
- Schmelzpool
- Rußbildung
- Brenndauer.
5. Testumgebung standardisieren
Für vergleichbare Ergebnisse möglichst:
- denselben Raum
- dieselbe Kerzenposition
- ähnliche Raumtemperatur
- gleiche Brenndauer
verwenden.
Wenn möglich, sollten mehrere Personen die Duftintensität unabhängig voneinander bewerten.
Warum die gleiche Duftkomposition kalt und warm anders wirken kann
Eine Duftkomposition enthält Stoffe mit unterschiedlichen physikalischen und sensorischen Eigenschaften.
Beim Erwärmen verändert sich die Freisetzungsdynamik.
Dadurch können bestimmte Duftfacetten:
- stärker hervortreten
- schwächer erscheinen
- früher oder später wahrgenommen werden.
Das ist kein Qualitätsfehler.
Es ist ein normaler Teil der Duftentwicklung in einem thermisch betriebenen System.
FAQ
Was ist wichtiger – Cold Throw oder Hot Throw?
Für eine hochwertige Duftkerze sind beide wichtig.
Warum ist mein Cold Throw stark, aber der Hot Throw schwach?
Mögliche Ursachen sind unter anderem Docht, Wachs, Duftstoffmenge oder ein nicht optimaler Schmelzpool.
Kann ein anderer Docht den Hot Throw verbessern?
Ja. Da der Docht Wärmeeintrag und Schmelzpool beeinflusst, kann eine andere Dimensionierung die Duftabgabe verändern.
Welches Wachs hat den besten Hot Throw?
Es gibt keinen universellen Sieger. Das konkrete Wachs muss mit der Duftkomposition getestet werden.
Kann ich Duftöl direkt aus dem Flakon beurteilen?
Für die Vorauswahl ja. Für die endgültige Bewertung einer Kerze nein.
Fazit
Cold Throw und Hot Throw sind das Ergebnis des gesamten Kerzensystems.
Duftstoff + Wachs + Docht + Gefäß + Temperatur + Zeit
entscheiden gemeinsam darüber, wie eine Duftkerze wahrgenommen wird.
Professionelle Duftkerzenentwicklung bedeutet deshalb immer:
testen – dokumentieren – vergleichen – optimieren.
Fachlich geprüft: Aroma Nova Produktentwicklung
Stand: August 2026
Fachquellen
Cargill NatureWax – technische Hinweise zu Wachs, Duftstoffbeladung, Docht und Verarbeitung.
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